(gehalten auf der Abschlusskundgebung)

Fussball und Identität

Liebe Genossinnen und Genossen!

In der warenförmigen Gesellschaft bestimmt das Prinzip des Tausches auch die Prinzipien nach denen die Gesellschaft aufgebaut sind. In einer Gesellschaft, die nur den Tausch als ein Miteinander kennt, kann es nicht verwundern, dass sich die Menschen als Warenanbieter und -Ankäufer gegenüberstehen. Diese Konkurrenz hat zu einer Atomisierung der Individuen geführt, die man ruhigen Gewissens als „Entfremdung“ bezeichnen darf. Die Menschen sind als Individuen – oder als das was von ihrer Individualität übrig geblieben ist – voneinander, wie auch von den Produkten ihrer Arbeit entfremdet: sie sind gegenaindner austauschbar geworden.
Um dieses Gefühl von Irrelevanz zu transzendieren, d.h. zu seiner illusorischen Aufhebung hin zu transformieren, hat sich die kapitalistische Identitätskonstruktion eingerichtet. Durch sie ist es möglich geworden, sich – wenn schon nicht als vollwertiges und mündiges Individuum, dann zumindest als „Deutscher“ oder eben „Fussballfan“ zu fühlen. Die Weltmeisterschaft leistet nicht nur hierbei gute Dienste: nun endlich ist es möglich, sich wieder Identität zu verschaffen: aus den frei austauschbaren Anbietern und Ankäufern der Ware Arbeitskraft, sind Deutsche geworden, die sich auch als solche fühlen. Alle bestehenden und berechtigten Interessenskonflikte sind im Stadion vergessen: ganz egal welche Rolle man im kapitalistischen Gefüge spielt oder aufgedrückt bekommt: im Stadion sind sie alle gleich. Das sich diese Sinnsuche nach Identität gerade auf das nationale Attribut des „Deutsch-Seins“ beruft, kann hierbei nicht verwundern: die bürgerliche Gesellschaft, und mit ihr der Patriotismus und Nationalismus, ist die dem Kapitalismus adäquate Gesellschaftsform.
Es ist Aufgabe linksradikaler Bewegungen und Strömungen die Weltmeisterschaft in und vermittelst ihrer Wahrheit zu denunzieren: sie ist ein nationalistisches Spektakel welche alle scheinbar miteinander versöhnt, und reale Interessen ausblendet. Ebenso gilt es den Mechanismus einer solchen Kollektivierung anzugreifen: Zur Konstitution eines Kollektivs ist der Ausschluss einer Gruppe die eben nicht dem Kollektiv eingemeindet werden darf notwendig und zwingend erforderlich: Alle, die sich nun als Deutsche fühlen dürfen, brauchen ihren Gegenpart, eben diejenigen die nach vollkommen irrationalen und reaktionären Kriterien nicht Deutsche sein dürfen. Kein Wunder also, dass es bereits zur Weltmeisterschaft 2006 zu Ausschreitungen gegen „Nicht-Deutsche“ kam, zum Beispiel als in verschiedenen deutschen Städten Dönerbuden und Pizzerias angegriffen wurden. Solche Spektakel werden wohl auch dieses Mal nicht ausbleiben.

Bleibt zu sagen:
Für ein baldiges Ende des Kapitalismus!
Für die befreite Gesellschaft!
Kommunismus oder Scheiße – wir haben die Wahl!