Nachbereitung

Gefunden auf linksunten.indymedia.org , ebenso auf de.indymedia.org :

Die Männerfußball WM ist zu Ende und der SchwarzRotGold – Hype nimmt ab. Nationalismus äußert sich nicht mehr im offensiven Fahnenschwenken, sondern durch Abfälligkeiten gegenüber Menschen denen Vorgeworfen wird, nichts für die Nation zu tun. Erträglich wird der alltägliche Nationalismus also keinesfalls. Jedoch stellte die Fußball WM einmal mehr einen Höhepunkt der Identifikation mit der eigenen Nation dar. Vollkommen ohne Protest ging das Spektakel aber nicht über die Bühne. Insgesamt gab es von vielen Gruppen und Menschen Aktionen gegen Fahne, Volk und Vaterland. Eine davon war die Kampagne „Deutschland? Platzverweis!“, getragen von einem Bündnis aus linksradikalen Gruppen aus dem südlichen Bayern. Eine kurze Zusammenfassung zu dem Versuch, in der Provinz das Fahnenschwenken als das offen zu legen was es ist: nationalistischer Müll.

Die Kampagne „Deutschland? Platzverweis“ startete mit dem Bündnisflyer, von welchem ca. 5000 auf Demonstrationen im süddeutschen Raum im Mai und Juni verteilt wurden. Zeitgleich wurde der Blog http://platzverweis.tk/ online gestellt, um sämtliche Informationen zur Kampagne zu liefern. Später folgten ausführliche Aufrufe der Autonomen Antifa Weilheim und des AK Antinationale Provinz . Um zu mobilisieren und die Inhalte der Kampagne öffentlich zu diskutieren wurden mehrere Informationsveranstaltungen zur Demo veranstaltet, u.A. ein Vortrag wärend einer Open-Air-Soliparty in Weilheim und ein Vortrag im Rahmen des des Infostammtisches im Eine-Welt-Haus in München organisiert. Eine dritte Informationsveranstaltung fand wegen polizeilichem Druck gegenüber dem Veranstaltungsort nicht statt. Weiterhin wurde für die Demo am 12.6. ein Jingle erstellt, danke auch an Frittenbude, welche freundlicherweise auf ihrem Konzert in München die Demonstration ansagten. Support gab es auch von Gruppen aus München, Augsburg und Ulm, auch hier vielen Dank.

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Dass eine antinationale Kampagne während der WM bei den meisten Menschen mehr Ablehnung als Zustimmung hervorruft, war uns durchaus bewusst. Dennoch waren wir überrascht, dass der Kampagne auch aus Kreisen mit Ablehnung begegnet wurde, die sich selbst als linksradikal bezeichnen. Nach Rücksprache mit dem Tresen des „Mittwochskafe“ legten wir mehrmals die Bündnisaufrufe, sowie Aufrufe der AAWM zur Demo in Weilheim auf dem Infotisch im „Kafe Marat“ aus. Nach dem wiederholten Verschwinden von ausgelegten Bündnisflyern erfuhren wir auf Nachfrage, dass diese weggeschmissen wurden. Die Person am Tresen gab als Grund hierfür u.A. an, dass der Aufruf der AAWM rassistisch sei. Die Person wollte sich dazu aber nicht weiter äußern und verwies auf die vom Platzverweis-Bündnis für den Folgetag angekündigte Infoveranstaltung am Münchner Infostammtisch. Am Folgetag tauchte die Person mit einigen Unterstützerinnen auch wie versprochen am Stammtisch auf., der am Vorabend geäußerte Rassimusvorwurf wurde allerdings nicht angeführt. Angeführte Kritikpunkte waren u.A., dass der Aufruf der AAWM mit der Zeile „Ob Verschwörungstheoretiker[2] Sozialdemokrat oder Nazi, im Stadion sind alle Differenzen vergessen, soziale Gegensätze annulliert und individuelle Unterschiede aufgehoben.“ Sozialdemokrat_innen und Nationalsozialist_innen gleichsetzt. Der zitierte Satz setzt Sozialdemokrat_innen und Nationalsozialist_innen aber keinesfalls gleich, vielmehr beinhaltet er ja, dass sie (ganz gravierende) Differenzen haben. Als weiterer Kritikpunkt wurde genannt, die AAWM hätte sich in ihrem Aufruf nicht „genug“ mit der „Ultra Bewegung“ auseinandergesetzt, da diese, entgegen der Behauptungen im Aufruf, emanzipatorische Ansätze enthalte. Kritisiert hierbei wurde das es an einer Differenzierung zwischen „Ultras“ und „Hooligans“ im AAWM Aufruf fehle. Festzuhalten bleibt demnach, dass die im Kafe Marat ausgelegten Bündnisflyer weggeschmissen wurden weil der Aufruf einer Bündnisbeteiligten Gruppe nicht Marat-konsensfähig war.

Für uns stellt sich insgesamt die Frage, wie es in einem sich als Freiraum verstehenden Projekt dazu kommen kann, dass trotz Absprache mit dem Tresenpersonal Flyer ohne Rücksprache mit den Autor_innen entsorgt werden. Hier sind wir an einer Diskussion über die Struktur der Entscheidungsfindung dieses selbstverwalteten Raumes interessiert und wünschen uns dazu auch eine Stellungnahme des Kafe Marat Kollektivs zu den Vorfällen.

Zum Auftakt der WM fand am 12.06. in Weilheim die antinationale Demonstration (ausführlicher Bericht hier : statt. Trotz der unserer Meinung nach breiten Mobilisierung, fanden nur circa 50 Menschen den Weg nach Weilheim. Die geringe Teilnehmer_innenzahl war für uns enttäuschend, für die bayerische Provinz aber auch nicht wirklich überraschend. Dies wirkte sich nicht zuletzt auch auf die Stimmung der Demonstration aus. Im Verlauf der Demo gab es zwei Kundgebungen mit den Redebeiträgen „Fußball und Idendität “, „Fußball und Nationalismus“ , „Fußball und Sexismus“ und an umstehende Personen wurden Flyer verteilt. Nationalisten störten mehrmals die Demonstration durch Hitlergrüße und dummes Rumgeprolle und versuchten auch diese anzugreifen.

acab

Angesichts der wenigen Demo Teilnehmer_innen erscheint uns Weilheim im Nachhinein als ungeeignet, was aber aufgrund der räumlichen Nähe zu München sowie den guten Zugverbindungen seltsam ist. Als Grund dafür, warum viele Leute nicht gekommen sind, vermuten wir auch, dass unsere Kampagne „Deutschland? Platzverweis!“ oft als „antideutsch“ wahrgenommen wurde und somit als nicht unterstützenswert abgestempelt worden ist. Offenbar haben einige nach der Überschrift „Deutschland? Platzverweis!“ aufgehört zu lesen, denn das Label „antideutsch“ trifft keinesfalls das Selbstverständnis, das wir uns gegeben haben (auch wenn es im Bündnis Personen geben mag die sich als antideutsch bezeichnen). So sind wir bei der Fußball-WM eben erstmal gegen die DFB-Auswahl, weil wir uns eben momentan auf diesem Flecken Erde aufhalten und uns die nationalistische Welle eben hier in den Farben Schwarzrotgold trifft, jedoch geben wir uns selbst die Bezeichnung „antinational“, da wir jegliche Form des Nationalismus ablehnen. Ungeachtet dessen sehen wir generell viel Diskussionsbedarf, in der Vorverurteilenden Grundhaltung einiger sich als linksradikal definierender Menschen gegenüber allem was sich irgendwie in die Schublade „antideutsch“ stecken lässt.

Allgemein kann gesagt werden, dass die Demonstration bei der hiesigen Bevölkerung oft auf Unverständnis traft, welches sich teilweise auch in Beschimpfungen äußerte, positive Reaktionen waren wahrnehmbar, allerdings nicht sehr häufig. Für uns stellt sich hier im Nachhinein die Frage ob eine Demonstration eine geeignete Aktionsform ist, um zu versuchen antinationale Positionen in einer euphorisch sich selbst feiernden Nation zu vermitteln. Denn letztendlich hatten wir den Eindruck dieses Ziel nicht erreicht, sondern lediglich provokativ den Feiernden einen Tag in die Suppe gespuckt zu haben. Eventuell folgen zu diesem Thema seitens des Bündnisses weitere Texte – Diskussionsbeiträge von anderen sind natürlich immer willkommen.
Reaktionen der Lokalen Presse, was die Wahrnehmbarkeit der Demonstration gesteigert hätte, blieben aus. Hier müssen wir auch selbstkritisch feststellen, nicht viel in Sachen Pressearbeit getan zu haben. Umso erfreulicher war zunächst die Interview-Anfrage des „Quer“ Magazins vom Bayerischen Rundfunk, welche sich aber letztendlich doch als Reinfall herausstellte.

Weitere Aktionen neben der Demo am 12.6. in Weilheim waren eine Spontandemonstration in Kempten am 26.6., bei der ca. 20 Menschen unangemeldet gegen die Zumutungen der Männerfußballweltmeisterschaft und Nationalismus demonstrierten. Im Verlauf dieser Demonstration wurde ein Teilnehmer von einem Polizei-Motorrad überfahren und anschließend zusammen mit einer weiteren Person festgenommen. An dieser Stelle noch mal solidarische Grüsse an die Festgenommenen!

acab

Ebenfalls in Kempten fand am 10.7. im Anschluss an das „Autonome Erntedankfest“ und das Spiel um Platz 3 / ein Spontan-Rave statt. Mit guter Laune und guter Musik gings durch die Innenstadt und vorbei an der Fan-Meile, wo vereinzelt deutsche Fans ihren Unmut über „Raven gegen Deutschland“ äußerten. Im Rahmen des Sponti-Rave kam es hier und da zu Sachbeschädigungen an Deutschlanfahnen, und Diebstählen der selbigen.

Nach dem Halbfinal-Aus der DFB-Auswahl tauchte in der Weilheimer Innenstadt ein Transparent mit der Aufschrift „Game Over Krauts“ auf. Ebenso sorgt seit neuestem ein „Platzverweis“ – Graffiti(Foto im Anhang) für ein schöneres Landbild in der oberbayerischen Provinz.

Mit dem Ende der Runde 1 unserer Kampagne ist natürlich nichts Weltbewegendes gewonnen. Nationalismus gibt es nach wie vor und andere Spektakel wie aktuell die Frauen U21 WM – laufen weiter. Ob wir gegen die größten nationalistischen Feierlichkeiten wie die Männer Fußball EM 2012 wieder in Erscheinung treten wissen wir noch nicht. Die bisherigen Aktionsformen müssen analysiert und diskutiert werden, schließlich gibt es noch einiges zu verbessern.
Zum Ende dieser Nachbereitung danken wir noch einmal allen die uns und unsere Kampagne unterstützt haben. Der „Ak Capture-the-flag 2010″ möchte an dieser Stelle ausserdem alle fleissigen Fahnensammler_innen weltweit solidarisch Grüßen.

-“Deutschland? Platzverweis!“ Kampagne August 2010

acab