Aufruf des AK Antinationale Provinz

Deutschland? Platzverweis!
-
Sag mal wollt ihr mich verarschen?

Die Vorfreude ist groß und du bist voller Hoffnung, dass die WM und die mit ihr verbundenen Erlebnisse wieder genauso geil werden wie im Jahr 2006? Du wunderst dich ziemlich über die oben geforderte Ordnungsmaßnahme und fragst dich: Warum um alles in der Welt schreibt jemand so einen Mist auf einen Zettel und warum laufen dann am 12.06. auch noch ernsthaft Menschen durch die Gegend, die das cool finden? Wir wollen versuchen, dir mit diesem Text nahe zu bringen, was uns an Deutschland und auch an allen anderen Nationalstaaten so stört und warum wir uns gegen diese kollektive Feierstimmung stellen, obwohl wir nichts gegen Freude und gute Laune haben. Aber: Jedes Abfeiern der Nation ist für uns ein Angriff auf den Traum, ein schönes Leben für Alle zu ermöglichen. Nun also zur Sache: Was bringt Menschen dazu „Nationalstaaten“ abzulehnen und sich gegen die WM-Euphorie zu stellen?

Zur Ablehnung des Konzeptes „Nationalstaat“

    Das berechtigte Verlangen nach Zusammenhalt
    Jeder kennt es. Ob an der Schule, an der Uni, im Betrieb oder im Büro. An den Schauplätzen der Bildung und der wirtschaftlichen Betätigung gibt es einen erheblichen Leistungs– und Konkurrenzzwang. Schüler_innen müssen bestimmte Bedingungen erfüllen, um nicht schon am Anfang ihres Lebens in die Hauptschule „ausgemustert“ zu werden, Studierende müssen in vielen Fächern den Studienplatz zum weiterführenden Studium gegen andere Studierende erkämpfen, Arbeitende stehen sich als Konkurrent_innen um Arbeitsplätze gegenüber, Unternehmer_innen müssen wirtschaftlicher sein als andere Unternehmer_innen. Und alle müssen schauen wo sie bleiben, denn der wirtschaftliche Misserfolg bringt Armut und sozialen Abstieg mit sich, wenn nicht schlimmeres. Auf globaler Ebene manifestiert sich dieses Gegeneinander in der Konkurrenz von Staaten, deren Bürger_ innen sich meist als Teil einer Nation begreifen. Das Konzept Nationalstaat scheint uns für die menschlichen Individuen sehr verführerisch, denn man findet das zu Recht bitter vermisste Gefühl miteinander und nicht vereinzelt gegeneinander zu leben in der Zugehörigkeit zur „eigenen“ Nation. Obwohl die wirtschaftliche Struktur das Gegeneinander der Bürger_innen einer Nation überhaupt nicht aufhebt, so stellt sich doch ein Wir-Gefühl ein, ein Gefühl gegenseitiger Zugehörigkeit und eine Art von Solidarität. Dazu kommt, dass der durchschnittliche materielle Reichtum der Bürger_innen eines Staates wesentlich von der nationalökonomischen Gesamtbilanz des jeweiligen Staates in der Weltmarktkonkurrenz abhängt. Der Lebensstandart der einzelnen Menschen ist somit tatsächlich in gewissem Rahmen an das Schicksal des jeweiligen Nationalstaates gebunden, was der emotionalen Verbundenheit einen realen Background verleiht.

    Veranschaulichung unserer Thesen an aktuellen Beispielen:

    Der zu erwartende Klimawandel ist ziemlich unbestritten eine der größten Gefahren für die ganze Menschheit. Ihn in solchen Grenzen zu halten, dass wir (als ganze Menschheit) einigermaßen mit seinen Folgen umgehen können, hat höchste Priorität. Folgerichtig gab es vor kurzem ein riesiges Krisentreffen in Kopenhagen, auf dem sich Vertreter_innen von über 190 Nationalstaaten über dringende Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels einigen sollten. Das Treffen war ein Desaster, denn rausgekommen ist dabei: Nichts! Obwohl das Problem für alle von größter Bedeutung ist, gibt es keine vernünftigen Konsequenzen. Wir denken dabei nicht, dass die beteiligten Akteur_innen dieses Treffens einfach alle zu blöd waren oder schlicht keine Lust hatten kommendes Unheil zu verhindern. Wir denken, dass der Grund des Scheiterns beim Konkurrenzzwang der Nationen untereinander zu suchen ist. Denn setzt sich ein Land das Ziel, konsequent klimafreundlicher zu wirtschaften, ergibt sich daraus ein Nachteil in der Weltmarktkonkurrenz. So sind z.B. scharfe Umweltauflagen ein denkbar schlechter Standortfaktor, ebenso wie Kohlekraftwerke einfach eine kostengünstige Art und Weise sind, elektrischen Strom zu produzieren. Nichts anderes als diese Konkurrenz ist es auch, die z.B. deutsche Politiker_innen und Wirtschaftsexpert_innen dazu veranlasst, sorgenvoll vor dem wirtschaftlichen Aufstreben anderer Nationalstaaten (wie etwa China oder Indien ) zu warnen, da das auf Dauer eine Gefahr für den materiellen Reichtum der „eigenen“ Bürger_innen darstellt. Obwohl also die Produktivität keinen Rückschlag erleidet – die Menschen werden nicht unfähiger, das weltweite Kontingent an Maschinen und technischem Know-How steht weiterhin zur Verfügung bzw. wird in der Regel sogar größer, denn wirtschaftliches Aufstreben anderer Länder geht ja mit einer Produktivitäts-Steigerung derselben einher – muss um den eigenen Lebensstandart oder gar die eigene materielle Existenz gefürchtet werden.

Was hat das bitteschön mit der WM zu tun?
Der Versuch der etablierten Parteien, gerade den wirtschaftlichen Erfolg der „eigenen Nation“ zu sichern, ist dabei gesellschaftlich völlig selbstverständlich anerkannt. So kann z.B. die Empörung breiter Teile der „Deutschen“ darüber, dass Griechenland unter anderem mit Hilfe deutschen Geldes gerettet werden soll nur durch die eingehende Versicherung der Politik gemildert werden, dass das alles im Endeffekt vor allem in deutschem Interesse sei und einfach wirtschaftlich notwendig – die Spezifik der Eurozone macht den wirtschaftlichen Ruin eines Eurolandes eben auch und insbesondere für Deutschland zur Gefahr. Diesen selbstverständlichen Standort-Nationalismus hinter sich zu lassen und eine allgemeine Empathie und Solidarität zu anderen Menschen zu entwickeln, unabhängig davon aus welchem Teil der Welt und aus welchem Kulturkreis sie kommen, halten wir für einen der bedeutendsten Schritte menschlicher Emanzipation, hin zu einer besseren Welt für alle. Die Selbstverständlichkeit des nationalen Denkens aufzubrechen sehen wir also im Bezug auf die Überwindung des unsäglichen Gegeneinander, in das uns der Kapitalismus in so vielen Lebensbereichen und Ebenen zwingt, für einen wichtigen Schritt. Die (Selbst-) Einteilung der Menschen in Nationen wird jedoch bei der Männer-Fußball-WM noch normaler und beliebter als gewöhnlich und frisst sich mit unheilvoller Macht in das Bewusstsein der Menschen. Wir halten aber gerade eine Entwicklung weg von dieser Einteilung für wichtig. Neben der Verankerung des Standortnationalismus sehen wir in diesem Groß-Event nationaler Selbstinszenierung desweiteren die Gefahr der Verstärkung völkisch-nationalistischer Bestrebungen und rassistisch motivierter Gewalt. So sehr die öffentliche Berichterstattung auch versucht, den Fokus auf einen angeblich völkerverbindenen Aspekt zu legen – der nebenbei bemerkt die Einteilung der Menschen in „Völker“ bzw. „Nationen“ schon im Wortlaut akzeptiert – sehen wir dennoch eher die Tendenz zu mehr Vorbehalten und erhöhter Aggression gegenüber Menschen die eben nicht in das eigene nationale Kollektiv eingeteilt sind. Eine sinkende Hemmschwelle bezüglich der Äußerung rassistischer und sexistischer Witze und Beleidigungen, Hand in Hand mit einer erhöhten Toleranz oder gar Zustimmung gegenüber solcher Äußerungen sind dabei vom „normalen Fußball-Partyvolk“ ebenso zu befürchten wie rassistisch und sexistisch motivierte Gewalt. Eventuelle Tendenzen, die Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“ als rassistisch begründet zu sehen, werden zumindest in den Reihen der Deutschland-Fans auch wieder auf Zustimmung treffen.

AK Antinationale Provinz


6 Antworten auf „Aufruf des AK Antinationale Provinz“


  1. 1 Zustimmer 27. Mai 2010 um 10:29 Uhr

    Denke das sollte man mal lesen, wenn man denkt das die bösen Anti Nationalen nur Blödsinn reden. Die Leute die mehr auf Fakten, Fakten, Fakten stehen, hier habt ihr sie, eure Fakten.
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/studie-zur-fussballweltmeisterschaft-fussballtaumel-und-fremdenfeindlichkeit-1.893255

    Viel Spaß damit

  2. 2 SaZ 27. Mai 2010 um 20:01 Uhr

    Was sind eigentlich genau Staat und Nation? Was ist ihre Funktion? Und warum stehen sie einem schönen Leben für alle im Wege? Darum geht es in „Eine Absage an Staat und Nation“.

    http://strassenauszucker.blogsport.de/2009/04/23/eine-absage-an-staat-und-nation/

  3. 3 Befürworter 30. Mai 2010 um 4:50 Uhr

    Wär auch noch seine Beweise für Sexismus und Fußball braucht…
    hier eine intressante Doku:
    http://www.youtube.com/watch?v=g4AOVX-4qW4&feature=related

    „Es hat bis heute noch kein einziges coming-out gegeben“
    ich denk, das bringts auf dem Punkt..

  4. 4 scitor 31. Mai 2010 um 2:29 Uhr

    Für alle Interessierten: Ein Artikel aus der „Münchner Studenten-
    Zeitung“ vom 26.06.1974

    „Größerer Versuch über das Balltreten“
    http://www.gegenstandpunkt.com/mszarx/mszm/74/5/msz7462610.htm

    Find den Artikel ziemlich spannend

  5. 5 wtf 31. Mai 2010 um 19:06 Uhr

    Und da reiht sich schon die nächste Meldung an…
    Da Israel beim Eurovision-Contest die sensationelle Leistung von Lena verkannte und ihr lediglich 0 Punkte gab, häufen sich hier bei Facebook ( http://youropenbook.org/?q=juden&x=17&y=21&gender=any ) krasseste antisemitsche Kommentare, um nur mal einen zu nennen:

    „Ich hasse den Hitler-aber nur weil er`s nicht gepackt hat all die drecks Juden zu vernichten, zu verbrennen, zu vergasen! Bald ist es aber soweit“

    Das zeigt nur zu gut, zuwas solche „Volksfeste“ führen….

  1. 1 Antinationale Demo am 12.06. in Weilheim (Bayern) « Brummkreiselpilotin Pingback am 04. Juni 2010 um 21:57 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.