Kommunismus statt Stadionkultur!

Aufruf der Autonomen Antifa Weilheim zur Demonstration am 12.06.2010 in Weilheim:

Dass ausgerechnet bei der Männerfußballweltmeisterschaft weltweit die Massen auf die Straßen gehen um für „ihre“ Mannschaft zu jubeln ist kein Zufall. Populäre Sportveranstaltungen auf internationaler Ebene gehören zu den Hauptanlässen nationaler Inszenierung. In den wenigen Wochen der Weltmeisterschaft schafft es der vermeintlich unpolitische Fußball fast überall Begeisterung für das eigene nationale Kollektiv hervorzurufen. Praktisch jeder Bereich des Alltags ist davon erfasst, egal ob in den Medien, im Bundestag[1], in der U-Bahn oder am Arbeitsplatz, die Männerfußballweltmeisterschaft, und damit auch die teilnehmende Nation, ist während der 4 Wochen Fußball allgegenwärtig. Der Zirkus bürgerliche Gesellschaft, mit all seinen Clowns aus Medien, Politik und Zivilgesellschaft, schafft es 23 biologischen Männern und einer Kunststoffkugel, eine vollkommen absurde gesellschaftliche Gewichtung zu geben.

Sommer.Sonne.Standortlogik

Nationalökonomisch gesehen macht dieses Treiben durchaus Sinn. Die heimische Wirtschaft profitiert von groß inszenierten Veranstaltungen gewaltig. Tausende Fans möchten mit Bier und Würstchen versorgt sein. In einem Theaterstück an einem bayrischen Gymnasium bezeichneten die aus Südafrika angereisten Schauspieler_innen die Männerfußballweltmeisterschaft als „Segen“ für „ihr“ Heimatland, da durch die angereisten Fans die Tourismusbranche floriert, die Infrastruktur weiter ausgebaut und es dem Land besser gehen werde. Fußball wird zum standortnationalistischen Faktor, die WM zum Mittel zur Vermehrung des Nationalen Reichtums. Hier zeigt sich ein Paradoxon der bürgerlichen Gesellschaft, selbst Menschen die in der kapitalistischen Konkurrenz verlieren, Menschen welchen es kaum möglich ihr Überleben in den Verhältnissen zu sichern, in diesem Fall ehemalige Straßenkinder, beteiligen sich am Jubel für ihr nationales Kollektiv, welches die bestehenden Verhältnisse erst ermöglicht.

Dieses paradoxe Verhalten entspringt der nationalistischen Ideologie selbst. In der warenförmigen Gesellschaft stehen sich die Teilnehmer_innen als Warenbesitzer, sie besitzen entweder Produktionsmittel oder nur ihre eigene Arbeitskraft die sie verkaufen müssen, gegenüber. Damit der Warenaustausch einigermaßen geregelt verlaufen kann wird in dieser Form gesellschaftlichen Zusammenlebens eine Instanz benötigt die die gegensätzlichen Interessen gegeneinander ausgleicht und den Wettbewerb so am laufen hält. Der bürgerliche Nationalismus geht davon aus, dieses Verhältnis sei ein naturgewachsenes, aus sich heraus harmonisches Verhältnis. Aus der Tatsache dass es dem der Nation unterworfenen Individuum schlecht ergeht wenn die Nation in der internationalen Konkurrenz schlecht abschneidet ergibt sich der Trugschluss dass ein gutes Abschneiden der Nation sich auch positiv auf jeden einzelnen Auswirkt. Diesem Irrtum ist es zu verdanken dass sich die Leute, selbst wenn sie alles verloren haben, voller Hoffnung hinter das nationale Kollektiv stellen, dessen eigentlicher Nutzen darin besteht den nationalen Reichtum zu vermehren und nicht den des einzelnen.

Sommer.Sonne.Volksgemeinschaft

Auch in Deutschland ist die Männerfußballweltmeisterschaft ein Pflichttermin im Kalender jedes Nationalisten. Ob Verschwörungstheoretiker[2] Sozialdemokrat oder Nazi, im Stadion sind alle Differenzen vergessen, soziale Gegensätze annulliert und individuelle Unterschiede aufgehoben. Die unhaltbaren Versprechen des bürgerlichen Nationalismus, eine Gemeinschaft zu erzeugen, in der die Gemeinschaft das höchste Gut ist und eine Interessengleichheit der ihr Unterworfenen(im alltäglichen Sprachgebrauch auch „Bürger“ oder „Volk“ genannt) existiert, werden im Stadion erfüllt. Das in der kapitalistischen Konkurrenz um den Verkauf der eigenen Arbeitskraft vermisste gemeinschaftliche Moment, das völkische Kollektiv, findet der gemeine Nationalist im Stadion, wo Kanzler_in und HartzIV-Empfänger_in, Umweltaktivist_in und Atomlobbyist_in zusammen „ihre“ Mannschaft feiern können.
Ein „Ich“ gibt es im deutschnationalen Fanblock nicht, es gibt nur das kollektive „Wir“ und das daraus resultierende „die Anderen“. Die nationale Identität konstruiert sich über Abgrenzung zum Ihr Fremden, die Gemeinschaft wird nach innen auf den gemeinsamen Zweck, Deutschland, eingeschworen. Angriffe auf das dem Kollektiv Fremde sind nur logische Konsequenzen der Identifikation mit der Nation.

Die Fußball-WM ist zu einem wichtigen Moment in der Geschichte des deutschen Nationalismus geworden. Deutschlands Sieg 1954 in Bern führte zu einem Wiedererstarken des geschmähten Nationalbewusstseins, der johlende Mob von Deutschlandfans konnte endlich ungehemmt seine wahren Gefühle der Welt zum besten geben und bewies gleichzeitig dass 9 Jahre Entnazifizierung der Gesangsfähigkeit des deutschen Volkes keinen Abstrich tun.[3].
Die Männerfußballweltmeisterschaft 2006 präsentierte sich unter dem Motto „die Welt zu Gast bei Freunden“. Um Missverständnissen vorzubeugen erklärte sich der feiernde Mob in vielen Städten bereit, den Gästen eindrucksvoll zu erklären was es bedeutet „zu Gast bei Freunden“ zu sein[4]. Nach dem „Sommermärchen“ 2006 zog Deutschland den endgültigen Schlussstrich unter seiner Geschichte, das Volk hatte sich von den „2 deutschen Diktaturen“ erfolgreich befreit und war fortan eine „Nation wie jede andere“, daran rüttelten auch Dutzende zerstörte Dönerbuden nichts.

Sommer.Sonne.Männlichkeit

Das lediglich die Männer(fußball)weltmeisterschaften eine derartige gesellschaftliche Relevanz haben weißt auf eine weitere Beschaffenheit der modernen Stadionkultur, einen extremen Männlichkeitskult. Werte wie Leidenschaft, Siegeswille und Aggressivität werden nicht nur als besonders deutsch gesehen[5], sondern auch als Typisch männlich. Personen die aus diesem Schema herausfallen wird ihre sexuelle Identität abgesprochen, die Betroffenen werden somit ausgegrenzt. Nicht-Männern und homosexuellen Männern werden solche Eigenschaften von vornherein abgesprochen. Das Erhalten von Anerkennung innerhalb der patriarchalen Sportwelt ist ausschließlich heterosexuellen Männern vorbehalten. Die populäre Fankultur ist von derartigen Zuständen geprägt, es gibt kaum Kreisklassenvereine in denen homophobe Äußerungen nicht zur Normalität gehören, dasselbe gilt für Fanvereinigungen(bis auf wenige Ausnahmen wie z.B. die Ultras St. Pauli[6]). Sexismus nur beim Fußball zu suchen wäre allerdings falsch, in so ziemlich allen männerdominierten Sportarten wie Eishockey, Basketball oder Radsport finden sich die selben Zustände wie in den Fußballstadien.

Sommer.Sonne.Rum&Ehre

Ein besonderes subtile Entwicklung innerhalb des Mannschaftssports sind sogenannte Ultras oder Supportergruppen, Gruppierungen die sich ein subkulturelles Image geben und somit sehr attraktiv für (männliche) Jugendliche sind. Propagiert wird hier ein sich vom kommerziellen Mainstream abhebender Way-of-Life, uneingeschränkter Support für die „eigene Mannschaft. Neben wenigen Ausnahmen(stellvertretend sind hier zu nennen die Schickeria München und die Ultras St. Pauli) gleichen diese Gruppen sich alle in einem, sie bilden ein Sammelbecken für Hooligans, Männlichkeitsfetischisten, identitätsuchende Jugendliche und Nazis, wie z.B. die „Ultras Mering 05“ um Thomas Hanel[7]. Graffitis und Aufkleber sind aber auch die einzigen subkulturellen Elemente der Ultraszene. In ihrem Denken und Auftreten affimieren sie die bürgerlichen Normen völlig. Es wird geworben für Verein, Heimat, Stolz, Ehre und allerhand anderen reaktionären Quatsch, der das morgendliche Frühstück den Rückwärtsgang einlegen lässt. Zu nennen wären hier exemplarisch die „Blue Supporters Garmisch“[8][9], deren Mitglieder bisher nur durch peinliche NS-Schmierereien, Mackerbilder im Internet und die Beteiligung an einem merkwürdigen Aufruf, die antinationale Demonstration am 12.6. in Weilheim zu blockieren, auffällig geworden sind.

Sommer.Sonne.Communismus

Wir rufen euch daher auf euch am 12. Juni 2010 an der Demonstration des „Deutschland?Platzverweis!“ Bündnis zu beteiligen. Setzt mit uns ein entschlossenes Zeichen gegen die Zumutungen des kapitalistischen Alltags, die sich während der Männerfußballweltmeisterschaft noch verschärfen, und für ein Leben jenseits dieser Zustände!

Jede Feier der Nation ist ein Angriff auf das schöne Leben!
Communismus statt Stadionkultur!

Autonome Antifa Weilheim
Mai 2010


Antinationalen Demonstration
12.06.2010 ; Weilheim i.Obb
Beginn: 14.00 Uhr, Bahnhof

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Quellen:

[1] http://www.sueddeutsche.de/sport/359/389153/text/
[2] http://www.youtube.com/watch?v=hHp4dVrovx4
[3] http://www.das-wunder-von-bern.de/hintergrund_bedeutung.htm
[4] http://www.sueddeutsche.de/sport/937/446673/text/
[5] http://www.handelsblatt.com/magazin/fussball/deutsche-tugenden-und-brasilianischer-zauber;918774
[6] http://www.f-in.org/fanaktivit%C3%A4ten-gegen-sexismus/
[7] http://artainfo.wordpress.com/nazistrukturen/hanel-thomas/
[8]http://www.youtube.com/watch?v=5E4ftQ3iTe8

[9] Auf ausdrückliches bitten der BSG stellen wir klar, dass die Blue Supporters Garmisch als Organisation selbst keineswegs Rechts, sondern irgendwie anders politisch Geartet sind, besagte „NS-Schmierereien“ mögen von Mitgliedern stammen, allerdings sind diese losgelößt von den BSG zu betrachten.


4 Antworten auf „Kommunismus statt Stadionkultur!“


  1. 1 Thomas Hardo 08. Mai 2010 um 18:55 Uhr

    Zu Communismus statt Stadionkultur…
    warum sind st. pauli und die schickeria von diesen gruppen ausgenommen, vllt weil sie in der szene als liksorientiert bekannt sind? Dann frag ich mich wie es beispielsweise zu straßenschlachten beim derby st. pauli gg rostock kommen kann, euer warscheinliches ggargument dazu: da sind keine st. pauli ultras beteiligt… lächerlich, es gehören immer zwei dazu… in allen ultragruppen geht es gleich zu… außerdem, ich bin hier aus dem oberland, gehe gelegentlich ins eishockey, doch warum man die Gruppierung der Supps. Garmisch mit den obrigen anschuldigungen in verbindung bringt ist mir völlich unklar, könnte da einer von euch eine antwort geben?

  2. 2 AAWM 10. Mai 2010 um 18:15 Uhr

    Hallo „Thomas“

    Die USP haben wir in dem Zusammenhang erwähnt, um klarzustellen das Fußball/Sportfans nicht per se homophob sind. Die Schickeria wird hier erwähnt um als Gegenbeispiel zu der These zu dienen das Ultragruppen ansich ein braunes Sammelbecken sind, da sich die o.g Gruppen eben explizit gegen Nazis aussprechen, undsowas ist eine Seltenheit bei Ultragruppen. Wir haben nicht die Absicht o.g Gruppen irgendwie zu befürworten oder zu behaupten sie würden keinen selbstdarstellerischen Männerkult ausleben.

    Was unser Text mit irgendwelchen sinnfreien Randaleevents von Hooligans zu tun haben soll bleibt uns schleierhaft.

    Die „Anschuldigung“ ist mit einer Quelle belegt, ein Video der BSG, das wie o.g. Ehre,Treue,Mut,Stärke und andere reaktionäre Scheiße abfeiert.

    Wenn du in Zukunft Kritik an unseren Texten äußern möchtest dann schreib uns doch bitte einfach eine Mail, anstatt das auf fremden Seiten zu posten.

    Antinationale Grüße

  3. 3 Florian 11. Mai 2010 um 0:02 Uhr

    Zitat : „Die „Anschuldigung“ ist mit einer Quelle belegt, ein Video der BSG, das wie o.g. Ehre,Treue,Mut,Stärke und andere reaktionäre Scheiße abfeiert.“
    Ich bin desöfteren in einigen verschiedenen Stadien, Fussball wie Eishockey als normaler Fan, gehöre also nicht zu irgendwelchen Supporters, Ultras oder Hooliganvereinigungen, nur vorweg gesagt.
    Ich finde es jedoch nicht in Ordnung ganze Gruppen über einen Kamm zu scheren… Vereine wie die angeprangerte BSG haben nichts mit Rechtsradikalismus oder weiteres zu tun… Eher im Gegenteil habe dort schon Szenen gesehen wie sie ihre eigenen Leute zusammengestaucht haben da etwas in diese Richtung gekommen ist. Sie beteiligen sich also sogar braunes zu unterbinden ! Ehre, Mut, Treue, Stärke sind eine Tugend die hier von ihnen genannt wird um Ein Zeichen zu setzen für Zuschauer die wieder kommen sollen. In Garmisch gibt es ein Zuschauerproblem. Wenn es nicht Leute gibt die sich für den Verein SC Riessersee einsetzen und versuchen Leute mit Stimmung und spass dran ins Stadion zu locken ist das ein Faktor der einem Eishockeystandort weh tut… wenn nicht sogar zerstört. Ihr würdet jetzt wahrscheinlich erwähnen “ Ein Fleck weniger der Fankultur ausleben lässt“ doch es hängt an solchen Standorten viel Nachwuchsarbeit. Um alles ins einzelne auszudiskutieren fehlt mir hier jetzt die Zeit der Platz und die Lust.
    Jedoch als Schlussatz : Verurteilt Leute wie die BSG nicht wegen einzelpersonen als schlechte Gruppe sonst stellt ihr euch hin wie Leute die in einer vergangenen Zeit „Alle“ Leute einer gewissen Religion verbrecher nannten und verfolgten !!!

  4. 4 Alex 12. Juni 2010 um 2:16 Uhr

    Hört bitte auf Sachen zu schreiben, von denen ihr absolut keine Ahnung habt!!! Ich bin selbst Ultra und Antifa. Meine Gruppe ist weder links noch rechts und ja ich bin in gewissen Hinsicht auch ein Lokalpatriot!!!!!
    Ich weiß ja nicht wie ihr auf den Zusammenhang von WM und der Jugendkultur Ultrá kommt aber eins kann ich euch versichern ihr habt absolut keine Ahnung was ihr da von euch gibt!
    Ihr redet zu dem Thema fast noch mehr Scheiße als die Bulln!

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